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Favelas in Rio de Janeiro
 Mit Favela werden die besonders in Randlagen der großen Städte Brasiliens liegenden informellen Siedlungen oder auch Marginalviertel, bei denen die Bewohner anfangs nicht über legalen Grundbesitz verfügen, bezeichnet. Begrifflich ist es nicht korrekt, Favelas als Slums zu bezeichnen, da sie nicht durch den Verfall städtischer Zonen, sondern durch unregulierte Besiedlung entstehen. Vergleichbare informelle Siedlungen findet man auch in den meisten anderen Schwellenländern, wo sie jedoch andere Bezeichnungen haben. Die ersten Favelas in Brasilien entstanden im Zuge der Sklavenbefreiung 1888 aufgrund des danach einsetzenden großen Zustroms in die Städte, und haben sich seitdem ständig ausgebreitet. Die demographische Entwicklung seit Mitte des 20. Jahrhunderts führte zu einer teilweise unkontrollierten Expansion Rio de Janeiros. Da die Stadtplanung mit diesen Veränderungen nicht mithalten konnte, entstanden an der Peripherie, aber auch an zentralen Berghängen viele Favelas, in denen ein Viertel der Bewohner Rios lebt. Die Behausungen bestanden am Anfang nur aus Kistenbrettern, Blechkanistern und Palmwedeln als Baumaterialien, mittlerweile aber aus Steinen. Eine Basis-Infrastruktur ist in der Regel gegeben (fließendes Wasser, Abwasserleitungen, Stromversorgung, Müllabfuhr, Schulen). Auch besitzen die meisten Bewohner Basisprodukte einer Mittelstandsgesellschaft (Kühlschrank, Gasherd, Fernseher, Internetverbindung, Klimaanlage). Seit der Entstehung der ersten Favelas schwankt die Politik der brasilianischen Regierung sowie der zuständigen Stadtregierungen zwischen Aussiedlungsbemühungen auf der einen und Hilfsangeboten zur Verbesserung der Infrastruktur für die Bewohner auf der anderen Seite. Die Militärdiktaturen 1964 bis 1979 versuchten, durch zum Teil gewaltsame Umsiedlungsprogramme eine Zurückdrängung dieser urbanen Siedlungsräume zu erreichen, was jedoch scheiterte. Seit Ende der 1960er Jahre und verstärkt ab etwa 1990 wird auf die Sanierung der Favelas gesetzt, zunächst mit punktuellen Eingriffen, in neuerer Zeit dann durch integrative Großprojekte. In Rio de Janeiro wurde im Jahr 1994 das vielbeachtete großangelegte Sanierungsprogramm “Favela-Bairro” begonnen, dass in alle Favelas Strom, Wasser, Kanalisation und andere infrastrukturelle und soziale Einrichtungen bringen soll. Daneben hat sich die Organisation “Un techo para mi país” die Beseitigung von Elendsquartieren und die Errichtung von Unterkünften für alle Bewohner eines Landes in den Ländern Lateinamerikas zum Ziel gesetzt. Favelas werden oft als “Stadt in der Stadt” bezeichnet: sie sind weitgehend unabhängig von der offiziellen Stadtverwaltung organisiert, leider oft unter der Leitung des Anführers des dortigen Drogenkartells. Größte Sichtbarkeit erlangt die mächtigste kriminelle Vereinigung Rios, das Comando Vermelho (CV), in der Baixada Fluminense und den regelrecht zu Kriegsgebieten verkommenen Favelas Cidade de Deus, Complexo do Alemão, Cantagalo und Pavão-Pavãozinho, wo es eine Herrschaft anstrebt, und diese mit Waffengewalt gegen Polizei und andere Drogenbanden verteidigt. Die Bewohner der Favelas geraten dabei immer wieder zwischen die Fronten, müssen letztlich aber die Drogenhändler als Autorität in ihrem Viertel anerkennen und sich mit diesen arrangieren. Die so in vielen Fällen entstehende Kooperation zwischen Bewohnern und Drogenhändlern wird außerdem dadurch gefördert, dass letztere eine Art von Gewaltmonopol durchsetzen, welches einen teilweise wirksameren Schutz vor Kriminalität und einigen Formen von Gewalt als der durch den brasilianischen Staat garantiert, und in einigen Fällen gewisse ansonsten nicht vorhandene soziale und karitative Funktionen übernehmen. Die territorialen Kämpfe der Drogenorganisation werden mit äußerster Brutalität geführt. Die Favela Pavão-Pavãozinho in einer Hügelreihe um die Copacabana etwa wird wegen Granatwerfereinschlägen an Häuserwänden im Volksmund auch "Sarajevo" genannt. Feuergefechte rivalisierender Banden werden zu jeder Tageszeit ausgetragen. In den vom Drogenhandel kontrollierten Favelas kommt es zunehmend zu Angriffen von sogenannten “Milícias”, welche die Mitglieder der Drogenbanden angreifen und vertreiben. Mehrere Dutzend Favelas sollen bereits von diesen Milizen beherrscht werden. Es wird vermutet, dass die Milizen von Polizeibeamten in Zivil, ehemaligen Sicherheitskräften und Feuerwehrleuten gesteuert oder sogar gebildet werden. Der für die öffentliche Sicherheit zuständige Minister José Mariano Beltrame entsendet derzeit 3.300 Polizisten in verschiedene Favelas. Die so entstehenden, als “friedensstiftende Polizeieinheiten” bezeichneten Sicherheitstruppen sollen dafür sorgen, dass bis Ende 2010 mindestens 30 % der Favela-Bevölkerung Rios in sicheren und entkriminalisierten Wohngebieten leben. Insbesondere junge Polizeirekruten sollen dabei eingesetzt werden. Derzeit werden Mauern gebaut, die Favelas teilweise einsäumen sollen. Die Mauern sollen Favelas vom Wald, und nicht von den Vierteln der Reichen abtrennen. Dies soll eine Ausbreitung von Favelas an Hängen im Zentrum und in der Südzone verhindern, den Wald schützen, die Favela-Bewohner vor Erdrutschen, und erschweren, dass sich Drogen-Banden der Wälder als Flucht- oder Aufmarschgebiet bedienen für die Invasion benachbarter Favelas, in denen sie den Drogenhandel übernehmen wollen. Mehrere Anbieter bieten unterschiedlichste Besichtigungstouren durch einige Favelas an. Besonders der Anbieter Favela Tour bietet einen tieferen Einblick in die sozialen Aspekte des Lebens in der Favela. Wichtig ist, dass die Anbieter die Favelas finanziell und materiell unterstützen. Daher gelten die Besichtigungen auch als sicher. Wer einmal in einer Favela leben möchte, kann dies seit Ende 2004 in der Pousada Favelinha in der Favela Pereira da Silva tun, die nicht weit vom Zentrum und den Stränden gelegen ist. Bis zum Jahr 1999 gab es in der Favela (laut der Betreiber Andreia und Holger) einen “boca de fumo”, einen Drogenumschlagplatz, und ständige Straßenkämpfe mit der Polizei. Im Jahr 1999 fand eine groß angelegte Polizeiaktion statt, bei der alle Drogendealer vertrieben wurden - anschließend hat die Polizei den gesamten Hügel bis zum Jahr 2003 besetzt. Die Wache ist mittlerweile abgezogen, aber es bleibt weiter ruhig. Am oberen Ende der Favela gibt es noch einen Polizeiposten, außerdem ist ein “BOPE”, ein Polizeiposten für Spezialeinsätze, in Sichtweite. In diesem Video (klick) sieht man den Fußweg durch die Favela zur Pousada, von der man einen atemberaubenden Blick über Rio hat.
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